Christine Urban

Der Letzte Raum

Unterwegs für den Tod

Wie begegnet unsere Gesellschaft dem Thema Sterben? Dieses sensible Thema wird gerne ausgeklammert und erst dann behandelt, wenn man persönlich betroffen ist. Christine Urban machte sich für ihre Diplomarbeit auf den Weg, um das Thema Feuerbestattung in den verschiedensten Facetten zu untersuchen. Dafür reiste sie sogar nach Indien, wo sie Feuerbestattungen am Ganges miterleben durfte. Der Tod als selbstverständlicher Teil des Lebens wird hier auch im hektischen Alltagstreiben erfahrbar. In der mitteleuropäischen Gesellschaft ist das bei weitem nicht so, doch die Verschiebung weg von kirchlichen Bestattungstraditionen hin zu individuellen Trauerriten hat längst begonnen.

„[Er] arbeitet an Ort und Stelle. Er fährt hin. Er berichtet nur über Bauten, die er selbst aus wechselnden Distanzen gesehen, mehrmals umschritten und all ihre Räume und Raumfolgen von den Kellern bis unters Dach ganz in Ruhe begangen hat.“ Ulrich Conrads Forderungen an Architekturkritiker aus den sieben Tugenden der Architekturkritik sind heute kaum mehr zu erfüllen. Doch Christine Urban nimmt sich die Zeit und reist zu den akkurat ausgewählten Referenzen ihrer Arbeit. Für die Frage „Wie wollen wir heute Abschied nehmen?“ begibt sie sich unter anderem in den asiatischen Raum, wo die Feuerbestattung ein wesentlicher Teil der Kultur ist. Im Gegensatz dazu ist das Krematorium im europäischen Raum ein vergleichbar junger Bautypus, der erst im 19. Jahrhundert die ersten Verwirklichungen fand. In Österreich sogar erst im Jahr 1922 mit der Feuerhalle am Wiener Zentralfriedhof von Clemens Holzmeister. Die Typologie Krematorium wird durch die Verortung zwischen atmosphärisch-spirituellem Gebäude und einem Profanbau mit der charakteristischen technischen Ausrüstung zu einer Herausforderung für die Architektur. Die räumliche Trennung der beiden Wesensarten ist noch nicht überwunden, dabei könnte die Natürlichkeit des Todes ein bedeutender Schritt in der Trauerbewältigung sein.

Die Rolle der Architektur findet sich in der würdevollen Einfassung der modernen, individuellen Umgangsformen mit dem Thema, welche Freiheiten lassen sollten, anstatt sich an längst erloschenen Rituale zu binden.

Auf die intensive Forschungsarbeit folgen Begriffsbilder die den Leser Schritt für Schritt an den anschließenden Entwurf (Totenhaus, Trauerpavillon, Einäscherungshaus und Stille Wiese) heranführen. Anders als im vorangegangenen Teil lässt die Diplomandin uns mit den Abbildungen zu ihrem Entwurf alleine. Doch auch ohne Beschreibungen kann man die Transparenz und Klarheit des Entwurfs nachempfinden und von atmosphärischen Sinnbildern bis ins Detail eine Architektur nachempfinden, die im engen Wechselspiel mit der Natur steht.